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Wolf, die Geschichte eines griechischen Streuners…

Sommer 1995

Im Sommer 1995 versuchten wir - mein Mann und ich – voller Optimismus auf Kreta einen Neuanfang in einer uns völlig fremden Welt.

Beide gelernte Kaufleute beschlossen wir, es einmal in einem anderen Gewerbe zu versuchen, indem wir eine Strandbar auf Kreta eröffneten.
Dieser Versuch scheiterte, gab uns aber Lebenserfahrung und Erinnerungen, die wir nicht missen möchten, und im Herbst 1995 fuhren wir nach Hause mit einem Schatz im Gepäck, der mehr wert war als jeder Profit der Welt - mit Wolf, der uns 12 Jahre unseres Lebens begleitete.
Dieser Hund öffnete uns die Augen und machte uns darauf aufmerksam, wie Tiere in südlichen Ländern behandelt werden. Er ist der Grund, weshalb wir heute noch im Auslandstierschutz tätig sind.

1. Begegnung

Fast täglich schlich sich ein ziemlich ausgemergelter Hund mit struppigem Fell an unserem Lokal vorbei. Solch einen traurigen Blick habe ich noch nie gesehen. Alles Vertrauen in den Menschen schien verschwunden, mit eingezogenem Kopf schlich er umher und wie ein scheues Wildtier ergriff er sofort die Flucht, wenn ein Mensch in der Nähe war. Wir beobachteten, dass er sich von Abfällen ernährte und überall in der Nachbarschaft weggejagt und getreten wurde. Die Autofahrer machten sich einen Spaß daraus, ihn zu jagen und versuchten ihn mit ihrem Fahrzeug an die Wand zu drücken.
Er tat uns leid und deshalb versuchten wir, ihn mit den Fleischresten unseres Lokals zu füttern. Obwohl er ziemlich ausgehungert war und der Duft des Futters schon lockte, kam er nicht näher als 10 Meter an uns heran.
Also habe ich ihm täglich Futter hingestellt und ging dann weg.
Kaum war der Sicherheitsabstand groß genug, stürzte er sich gierig auf das Fleisch.

2. Ein Name muss her

Wenn man ein Tier versorgt und sich über es unterhält, dann ist es nötig, dass das Tier auch einen Namen trägt. Also überlegten wir uns, wie der Hund wohl heißen könnte.
Die Art und Weise, wie er sich bewegte und um uns herumschlich und auch sein Aussehen erinnerte uns stark an den Wolf aus dem Film  “der mit dem Wolf tanzt“.  Dieser Wolf wurde im Film „Socke“ genannt.
Der Name Socke gefiel uns jedoch nicht, also hieß der Hund von nun an „Wolf“.

 
 

3. Annäherung

Es dauerte nicht lange, bis Wolf genau wusste, dass es um eine bestimmte Zeit bei uns was zu Fressen gab. Jedoch lief immer die gleiche Prozedur ab:
Ich stellte das Futter ab, ging einige Meter auf Abstand und dann schlang Wolf alles in einer Windeseile in sich hinein, immer auf der Hut, nach rechts und links schauend, damit ihm ja kein Mensch zu nahe kam.
Er merkte aber nicht, dass ich den Abstand Tag für Tag etwas verkürzte und nach 6 langen Wochen fing er an zu fressen, als ich neben ihm stand.
Nun war der Bann gebrochen und er ließ sich auch bald anfassen. Ich kann gar nicht beschreiben, welch ein Gefühl es war, nach so vielen Wochen diesen Hund anfassen zu dürfen.
Er war zwar immer noch auf dem Sprung zur Flucht, aber er ließ es geschehen.
Nun sah ich auch, warum Wolf stets mit eingezogenem Kopf herumlief: Sein Halsband war so eng, dass er den Kopf gar nicht anders halten konnte.
Wahrscheinlich hatte er das Halsband als Welpe bekommen und wurden dann ausgesetzt.
Sofort machte ich das Halsband einige Nummern größer und siehe da, Wolf  konnte hocherhobenen Hauptes davon schreiten, aber erst nachdem er sich mit einem zwar schwachen, aber durchaus erkennbaren Schwanzwedeln bei mir bedankte. Mit Tränen der Rührung in den Augen ließ ich ihn gehen.

 

4. Freundschaft

Der Bann  war gebrochen. Wolf hatte beschlossen, ab sofort zu uns zu gehören. Er lebte von da an bei unserer Strandbar.
Jeden Morgen wartete er vor unserem Lokal auf uns und begrüßte uns wie Freunde.
Er ließ sich von mir kämmen und streicheln und genoss es sichtlich.

 

Christa und Wolf 1995

 

Gäste aus unserem Lokal erzählten uns, dass er jede Nacht wie ein Wachhund auf unsere Strandbar aufpasste, damit ja nichts passiert.
Ziemlich schnell wurde er zum Liebling aller Gäste. Mit allerlei Unfug brachte er Jeden zum Lachen. Er entwendete Handtücher und andere Gegenstände vom Strand und versteckte sie in seinem „Lager“, aber niemand nahm es ihm übel. Man wusste ja wo sein Lager sich befand, und er gab auch alles bereitwillig wieder an seine Besitzer zurück. Er hatte solch ein charmantes Wesen, dass viele Gäste vor dem Sonnenbaden am Strand erstmal den Hund streichelten und Leckereien für ihn vom Frühstücksbuffet mitbrachten.
Wolf war zum Maskottchen unseres Lokals geworden, das nicht mehr wegzudenken war.
Der traurige Blick war verschwunden und aus dem ängstlichen Streuner war ein wunderschöner, selbstbewusster Hund geworden.

 

Wolf 1995 vor unserem Lokal

 

5. Der Verfolger

Eines Abends, als wir nachts mit dem Auto von unserem Lokal zu unserer Wohnung fuhren, sah ich im Rückspiegel, dass etwas hinter uns her rannte. Es war Wolf und er muss wohl schon mindestens einen Kilometer gerannt sein, bevor ich ihn entdeckte.
Wir hielten an, und er brach hinter unserem Auto erschöpft zusammen.
Wir legten ihn ins Auto und nahmen ihn mit nach Hause. In dieser Nacht schlief er so tief wie wahrscheinlich noch nie vorher in seinem Leben. Zum ersten Mal brauchte er keine Angst zu haben, dass ihm jemand  etwas Böses tut. Ab diesem Tag wohnte er bei uns und begleitete uns auf Schritt und Tritt.
Er hat uns auf seine Art gezeigt, dass er nun für immer bei uns sein wollte.

 

6. Abschied

Der Herbst kam und mit ihm der Entschluss, wieder nach Deutschland zurückzukehren.
Es war natürlich für uns gar keine Frage, dass Wolf uns begleiten würde. Eigentlich wollten wir bis zu diesem Sommer keinen Hund, aber es sollte halt anders kommen.
Wir ließen ihn rechtzeitig impfen und er durfte mit auf große Fahrt.

 

7. Ankunft
Nachdem ich schon mit dem Flugzeug vorangereist war, kam im Oktober 1995 mein Mann mit Wolf per Schiff mit dem Auto nach Deutschland.
Wolf hatte keinerlei Probleme, sich hier einzugewöhnen, er hatte ja uns und war da glücklich, wo wir waren.
Innerhalb kurzer Zeit wurde er zum „Sofawolf“ und niemand konnte sich mehr vorstellen, dass dieser Hund einmal ein Streuner war.

 

Wolf 1997

 

8. Das neue Leben

Wolf war glücklich in Deutschland, aber er hat nie vergessen, was ihm in Griechenland angetan wurde.
Wir sind noch einige Male mit ihm zusammen nach Griechenland in Urlaub gefahren, aber er hat uns gezeigt, dass er da nicht mehr hin möchte. Bei jeder Begegnung mit griechischen Männern ist er so ausgerastet, dass wir ihn nicht mehr  mitgenommen haben. Wir sind zwar immer noch  nach Griechenland gefahren, aber Wolf ist bei lieben Menschen zuhause geblieben und hat geduldig auf uns gewartet. Wolf war der beste Kamerad, den man sich nur wünschen kann und dankte uns jeden Tag dafür mit seiner eigenen Art, seine Liebe zu zeigen.
Er drückte seinen Kopf ganz fest an uns und ließ sich endlos streicheln.
Als junger Hund ein charmanter Schelm, der auch mal Unfug machte oder mal ausbüxte und reumütig wieder zurückkehrte, im Alter ein weiser ruhiger Freund, der immer fühlte, wenn es uns nicht gut ging.
Durch ihn haben wir den Auslandstierschutz entdeckt und in vielen Jahren vielen Hunden auf dem Weg in ein besseres Leben helfen können, was wir bis heute immer noch tun.
2004 bekam Wolf noch eine Gefährtin aus Athen - unsere Husky-Mix-Hündin Angie.
Auch sie hatte ein schweres Leben in Griechenland und konnte gerade noch vor der Vergiftungsaktion wegen der Olympiade von griechischen Tierschützern in Sicherheit gebracht werden. Wir hatten sie auf unserem Rückweg von Kreta mitgenommen und wollten sie eigentlich vermitteln.
Aber Angie hatte andere Pläne. Sie hat sich während der Reise derart in unser Herz geschlichen und auch zuhause angekommen gleich unseren Wolf umgarnt, dass eine Vermittlung nicht mehr in Frage kam. Angie blieb und wir hatten zwei wunderbare Hunde!

 

Angie und Wolf 2007

 

9. Die schwere Entscheidung

Das genaue Alter von Wolf wussten wir nie. Der Tierarzt schätzte ihn 1995 auf ca. ein Jahr.
Er könnte aber auch zwei oder drei Jahre alt gewesen sein.
Im Alter bekam er natürlich so allerhand Krankheiten, die ein alter Mensch auch bekommt.
Begonnen mit Arthrose, Probleme mit dem Bewegungsapparat usw.
Das hat ihn aber nie umgehauen. Mit Schmerzmitteln konnten wir ihm das Leben erleichtern und er hatte bis zum Schluss Freude am Leben.
Im August 2007 jedoch bekam er einen schweren Schlaganfall und war geistig völlig abwesend.
Wir hatten uns immer vorgenommen, ihn nie leiden zu lassen und entschlossen uns schweren Herzens, ihn gehen zu lassen. Er ist mit Hilfe des Tierarztes in unseren Armen friedlich eingeschlafen.
Aber in unseren Herzen wird er immer weiterleben. Und wenn es die Regenbogenbrücke wirklich gibt, dann wird er eines Tages am Ende der Brücke auf uns warten.

 

Mach's  gut lieber Freund, Du warst etwas ganz Besonderes

 

Text & Fotos: Christa & Gert Rahn