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Bericht 2012 - Teil 2


Wir basteln uns einen Kettenhund


Patsi


Tage wie diese


Kettenhunde
Tour vom 28.03.2013


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Sir Henry

Er ist ein 沙皮, oder besser ein Shar-Pei. Seine Rasse lässt sich anhand von Funden und Abbildungen bis in die 漢朝 / 汉朝Han-Dynastie (206 v. Chr. –220 n. Chr.) zurückverfolgen.
Dass Sir Henry also chinesisch ist oder seine Rasse in den fünfziger Jahren bis auf ein Dutzend fast ausgestorben war, interessiert ihn jedoch nicht.
Brigitte gab ihm anfangs den Namen „Sumo“, was ich nicht wusste, als ich ihn bekam. Also nannte ich ihn Sir Henry, weil sein Aussehen für mich etwas Adeliges hatte.
Er lebte vorher in einem Stall und sein bisheriges Leben war nicht wirklich spannend. Brigitte holte ihn bei seinen Besitzern ab, die wieder einmal meinten, sie könnten die Probleme ihres Hundes einfach aussitzen. Ohrenentzündung, Hautekzeme, etc. Er wurde kastriert und bekam Medikamente verschrieben.
Den Tag seiner Ankunft bei mir verbrachte er mit einem kurzen Rundgang und, tja, schlafen.
Der nächste Tag war da schon etwas spannender. Denn es gab etwas zu fressen, zur Begrüßung ausnahmsweise leckeres Nassfutter. Schon ein kleines Kunststückchen, was er dabei vollbringt, mit seinem Riesen-Kopf in der Futterschale diese kleinen Bröckchen heraus zu mümmeln. Natürlich inklusive Schnaufen, Kettengeklapper und mit, wie es sich für einen Adeligen gehört, der was auf sich hält, einem dezenten Grunzen.
Irgendwann fuhr ich fort, um meiner Arbeit nach zu gehen. Als ich am Nachmittag wieder kam, konnte ich ihn nicht sofort sehen. Doch, da unter dem Baum da ist er ja! Aber warum bewegt er sich so komisch ober besser gar nicht? Irgendwie hat er es geschafft, aus seiner 3 ½ Meter Laufleine ein Knäuel von der Größe eines Handballs zu formen. So stand er bewegungsunfähig da und sah mich an. Und ich ihn. Nein, ich hatte keine Angst vor ihm. Aber großen Respekt! So näherten wir uns das erste Mal. Sehr nah, für mich viel zu nah, da er wegen seiner Hautprobleme außergewöhnlich stank. Ich fummelte eine Weile herum und irgendwann hatte ich dieses Ding los.
Niemals hat einer von uns so eine Einlage gesehen. Die Leinen haben immer an beiden Enden Wirbel, die das Verknoten verhindern. Der ein oder andere Hund wickelt sich gerne mal um irgendetwas, vorzugsweise natürlich um die Beine seines Besuchers, aber SOWAS???

Im Gegensatz zu den anderen Hunden, die schon bei mir waren, hat er sich sofort mit der bereitgestellten Hundehütte angefreundet. Aber auf seine Art, mit dem Kopf nach innen und auch nicht liegend, sondern stehend. Was gelinde gesagt ziemlich bescheuert aussah. Er hat es auf eine geschlagene Dreiviertelstunde gebracht, in dieser Stellung. Völlig außer Atem legte er sich danach unter den gegenüberliegenden Olivenbaum und schlief.
Am Abend gabs den Rest vom Nassfutter, gemischt mit Trockenfutter. Weil, erst mal können wir uns diesen Luxus des Dosenfutters nicht leisten und zweitens stand in den nächsten Tagen die erste Medikamentenausgabe an, die ich ihm dann wieder mit etwas Nassfutter versüßen und es mir und auch ihm damit einfacher machen wollte.
Genüsslich knabberte er am nächste Morgen sei Futter weg, das dauert bei ihm immer ein wenig, aber es gab mir Zeit, seine Haufen zu entsorgen und ihm frisches Wasser zu bringen. Ohne, dass es mir ständig zwischen den Beinen herumwuselt oder mir im Weg steht. Ich war nicht die ganze Zeit zu Hause und hatte ihn auch nicht ständig im Blick, aber bis in den späten Nachmittag hörte ich immer wieder seine Kette an den Schutzkanten seiner Hütte klappern. Nun ja, dachte ich, vielleicht versucht er ja eine andere Art ihrer Verwendung heraus zu bekommen.
Am Nachmittag quiekte meine Lina im Garten ungewöhnlich oft und so brach ich mein Mittagsschläfchen ab, stand auf und sah nach. Er hatte es dann irgendwann, bei dem ewigen Rein und Raus aus der Hütte, geschafft, den Verschluss seiner Leine zu öffnen, um auf Reisen zu gehen. So standen sich Sir Henry und Lina das erste Mal am Gartenzaun gegenüber und beschnüffelten sich ausgiebig. Da er keine Anstalten machte, auszubüchsen, kontrollierte ich den Leinenverschluss, aber der war ok.
Ohne Mullen und Knullen ließ er sich anleinen.
Das reine Trockenfutter am Abend war wohl nicht in seinem Sinne. Ich ging zu ihm, wir schauten uns an, er schnüffelte daran herum und grummelte dabei ein wenig, nahm sein Pfote hoch, knallte sie auf den Rand des Napfes und diese kleinen Futterstückchen verteilten sich wie bei einer Konfettikanone in alle Richtungen. Ok, keinen Hunger, vielleicht später.
Seine Reaktion hat mich schon ein wenig geärgert, zumal am nächsten Tag auch noch die erste Medikamentenausgabe anstand, und nicht er, sondern ich den Speiseplan bestimme. Ja, es gab Nassfutter, aber nicht, weil er es wollte, sondern ich! Und das aus gutem Grund.
Ich hatte diese drei kleinen Zwergen-Minitablettchen fein säuberlich in den Fleischbrocken versteckt und diese wiederum unter den anderen verteilt.
Ja, er hat es geschafft, aus zirka einem halbem Kilo Fleischbrocken diese linsengroßen Dinger heraus zu sortieren und sie in seinem Topf zurückgelassen.
Er schaute mich danach etwas überheblich an, aber ich ließ mir meinen Ärger nicht anmerken. Ging zum Kühlschrank, spendierte ihm meine letzte Schmelzkäseecke, versteckte die Tabletten darin, holte seine Schale, füllte sie wiederum mit ein wenig Nassfutter und drapierte meinen Köder wie ein Sahnehäubchen oben drauf. Danach wartete ich auf einen Moment, wo Sir Henry unterm Baum schlief.Ich schlich mich heran, stellte leise seinen Napf ab und ging auf leisen Sohlen ein paar Schritte zurück und hockte mich gemütlich hin.
Dann rief ich ihn.
Ich weiß nicht ob er mein Grinsen bemerkte…
Die nächsten Tage verliefen eher unspektakulär. Es hat mich gefreut, dass er sein neues Leben genoss, mittlerweile auch das Trockenfutter fraß, sich manchmal, nur so aus Lust und Laune auf dem Boden suhlte wie ein Schwein. Fast jeden Abend bei Sonnenuntergang und immer wenn ich spät nach Hause kam, vor dem zu Bett gehen, setzte ich mich zu ihm. Er mag es, wenn ich ihn durchbobbele, ihm seine Falten an den Beinen hochschiebe um sie dann wie ein Sack wieder herunter plumpsen zu lassen.
So verging meine Zeit mir Sir Henry, aber eines Tages hat er sich wieder eine kleine Überraschung ausgedacht. Unten an den Wurzeln von seinem Olivenbaum sprießen immer wieder ein paar junge Zweige heraus. Er muss den ganzen Tag damit verbracht haben, diese im und um sein Halsband und seiner Leine zu verknoten. So lag er nun da unter seinem Baum wie ein getarnter Bundeswehrsoldat in Stellung, aber machte keinen Mucks. Ließ sich von mir geduldig das Halsband und seine Leine vom Gestrüpp befreien und sabberte mich als Dank dafür anschließend ordentlich ab.

Sir Henry ist etwas ganz besonderes. Er und sein Gegenüber brauchen eine Weile der Annäherung. Aber wenn es gefunkt hat, ist er ein richtiger Freund.
Genau wie für all die anderen Hunde, wünsche ich mir für Sir Henry ein endgültiges Zuhause. Einen Platz im Leben, einen Ort an dem er sich wohlfühlt. Wo er Hund sein kann und seinen Firlefanz treiben darf. Er hat es verdient, geliebt zu werden, bemüht sich redlich die Scheu, Angst oder Bedenken ihm gegenüber zu zerstreuen. Vielleicht ist er ein „Listenhund“ und sicher könnte er mir mit einem Happ den Arm abbeißen. Nur so wie ich ihn erlebe, wird er es niemals versuchen.
Die Therapie zeigt erste Erfolge. Sein Fell wächst nach, seinen Ohren geht es besser und er stinkt nicht mehr so extrem wie vorher.
Ich weiß nicht, was er sich als Nächstes ausdenkt, vielleicht finde ich ihn irgendwann hoch oben im Baum wieder...

Text & Fotos: Jürgen