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(K)ein Tag wie jeder andere

Ich werde um 8 Uhr wach. Der Schäferhund auf dem Nachbargrundstück bellt. Vor ein paar Tagen war er plötzlich da. Mit einer Hütte und kurzer Kette. Was er dort soll, weiß kein Mensch. Zu bewachen gibt es jedenfalls nichts. Weder Schafe noch Hühner, nur ein paar mickrige Olivenbäume. Ich muss unbedingt herausbekommen, wem das Grundstück gehört und was es mit dem Hund auf sich hat. Aber heute werde ich es wieder nicht schaffen, denn es steht schon einiges auf dem Plan:
Zunächst D.J., meine drei und den Gasthund Mira füttern. Tabletten nicht vergessen, Opas Allopurinol plus  Schmerztablette und Mira die letzte Portion Panacur.

Mira

Mira


Eine Tasse Kaffee und eine Zigarette, kurz den Garten gießen und runter zum Hühnerstall. Dort warten 5 weitere Gäste, und natürlich Hape und Greta, unsere Stallkatzen.

Als erstes Balou, unser Sorgenkind.

Balou

Balou


Er ist ein Stallhund und wurde in der letzten Woche an seiner völlig zerfetzten Vorhaut operiert. Dicke Maden hatten sich schon tief ins Fleisch gefressen. Die Haut war so porös, dass man sie kaum nähen konnte. Eigentlich sah alles schon super aus. Wir haben die Wunde täglich gespült. Vor zwei Tagen hatte er dann plötzlich wieder eine kleine offene Stelle. Sofort hatten Fliegen ihre Eier dort abgelegt, und winzige Maden krabbelten in der Wunde. Wir haben die Stelle mit Wasserstoffperoxid gesäubert. Heute sieht es schon wieder ganz gut aus. Und damit das auch so bleibt ist eine saubere Umgebung enorm wichtig. Also Boxen schrubben, Futternäpfe säubern und kein Nassfutter rumstehen lassen, damit lästige Fliegen fernbleiben.
Balou vergnügt sich derweil draußen mit Franzi und Sissi, zwei Dackelmixwelpen.

Franzi

Franzi


Die Beiden wurden uns am Wochenende im Abstand von zwei Tagen von Georgos gebracht. Sie liefen auf der Hauptstraße zwischen Sellia und Rodakino herum. Ihre ersten  zwei Lebensmonate haben sie wohl in einem Schafstall verbracht, denn sie stanken erbärmlich und brauchten erst einmal ein gründliches Bad.


Sissi

Sissi

Heute sollen sie ihre erste Impfung und einen Mikrochip bekommen. Um 12 Uhr habe ich einen Termin beim Tierarzt in Rethymnon.

Auch Senta soll mit, sie wird kastriert.

Senta

Senta

Senta ist innerhalb der letzten zwei Monate der dritte Hund, der am Krankenhaus in Spili ausgesetzt wurde.
Erst Ele, die Flaschenbürste,

Ele

Ele

Lisa

Lisa


dann die süße, kleine, blinde Lisa und nun sie. Sie war dort vier Tage mit einer Paketschnur an einem Busch angebunden. Senta ist schon älter als 8 Jahre und hat wahrscheinlich eine unbehandelte alte Beckenfraktur. Außerdem ist sie sehr ängstlich.
Die fünfte im Bunde ist eine junge Jagdhündin, die Isolde Gestern Abend gebracht hat. Sie lief seit ein paar Tagen in Mirthios herum und jemand hat sie schließlich an einen Zaun gebunden.

Bella

Bella


Ich denke, das wird eine der leichtesten Übungen heute, denn ich weiß von einem Griechen, der seine Jagdhündin sucht und bin mir sicher, dass sie es ist. Seine Telefonnummer ist mir leider abhanden gekommen. Also packe ich die Hündin ins Auto und fahre zu dem vermeintlichen Besitzer. Die Familie, die ich dort antreffe, hat aber gar keinen Hund. Auf zum nächsten Gewächshaus, dessen Besitzer einen ähnlich klingenden Namen hat. Aber auch dort Fehlanzeige.
Zurück nach Plakias, die Telefonnummer besorgen, dann hoch nach Mariou, dort wohnt derjenige, der seinen Hund sucht. Wieder kein Erfolg. Das ist nicht seine Hündin. Wenn wir den Besitzer nicht finden, würde er sie wohl haben wollen, als Wachhund für seine Hühner. Da macht er sich jedoch falsche Hoffnungen. Enttäuscht, aber auch gleichzeitig erleichtert, dass ich diese süße kleine Hündin nicht dort lassen muss, ziehe ich von Dannen.

Bevor ich Bella wieder zu uns bringe, fahre ich noch schnell zu den Welpen. Unterhalb des Dorfes Mariou gibt es diesen schrecklichen Ort. Vier, teilweise auch mehr Jagdhunde werden dort gehalten. Zwar gibt es schon drei Hütten von uns, auch die vierteljährliche Versorgung mit Floh- und Wurmmitteln, die hygienischen Verhältnisse sind jedoch katastrophal.

Mariou

Kot und Unmengen vergammelter Essensreste (der Besitzer hat eine große Taverne) stinken schon von Weiten. Gestern hatte ich dort ein provisorisches Gehege für einen Wurf Welpen gebaut. Es sind sechs und sie sind gerade mal etwa 2-3 Wochen alt und beginnen langsam unbeholfen ihre nähere Umgebung zu erkunden. Da das Gelände am Berg liegt und steil zu einem dicht bewachsenen Bachlauf abfällt, bestand die Gefahr, dass die Welpen dort abstürzen. Eine Mutter an der Kette könnte da auch nicht mehr helfen. Heute will ich nur kurz schauen, ob alles in Ordnung ist und die Wassereimer säubern.

Mariou

Gestern hatte ich keinen Schwamm dabei und wusste auch nicht, wo das Wasser anzustellen ist. Die Trinkeimer haben schon eine dicke Moosschicht und das Wasser ist warm und grün. Ich kann nicht begreifen, dass man beim Füttern darüber hinwegsehen kann.

Ich halte mich nur kurz auf, denn es ist schon 11 Uhr und um 12 will ich in Rethymno sein, eine ¾ Std. Fahrt. Also schnell nach Hause, den Jagdhund aus-, Senta, Franzi und Sissi einladen, umziehen und auf zum Tierarzt.
Chippen und Impfen der Welpen geht schnell. Der Leishmaniose-Test bei Senta ist negativ. Sie wird in Narkose gelegt für die Kastration. Ich verabschiede mich kurz, um ein paar Sachen einzukaufen und bin nach einer halben Stunde zurück. Der Tierarzt ist noch bei der Arbeit.
Ich hole mir eine Käsetasche, denn ich habe noch nichts gefrühstückt. Sie schmeckt fürchterlich und ich werfe sie nach zwei Bissen in den Müll. Plötzlich Hektik im OP-Raum. Irgendetwas stimmt nicht. Ich gehe nachschauen. Der Arzt kriegt eine Blutung im Bauchraum nicht gestoppt. Sein Sohn assistiert. Jeder Menge Tupfer werden gebraucht, eine neue Infusion gelegt. Der Arzt näht in einem Affentempo. Senta erwacht schon aus der Narkose und fängt an zu zappeln. Er spritzt nach. Als er die Wunde genäht hat, legt er eine Art Druckverband um den Bauch an. Senta wird eingewickelt wie eine Mumie. Ihre Zunge ist blau, die Schleimhäute kalkweiß, die Pupillen reagieren kaum. Es steht schlecht um sie. Ob ich noch einen Hund im Auto hätte, Senta hätte zu viel Blut verloren, und brauche eine Transfusion. Die Welpen kommen wohl kaum in Frage. Ich rufe Silvia an. Sie war gerade noch mit einer Katze in der Praxis. Vielleicht hat sie ja einen ihrer 10 Hunde dabei. Leider nein. Sie schlägt vor, Patrik anzurufen. Der ist nicht in der Nähe sondern zuhause, 20 km entfernt. Er brauche 30 Min. Ich kann nicht beurteilen, ob die Zeit reicht, bitte ihn aber trotzdem zu kommen. Nach 20 Minuten ist er da, mit seinem Jagdhund. Meine Nerven liegen blank.
Der Arzt legt Patriks Hund einen Venenkatheter. Dann zapft er ihm mit einer großen Spritze Blut ab und pumpt es in die schlappe Senta. Mit einer Hand wische ich Sentas Urin weg, sie macht schon die ganze Zeit unter sich, mit der anderen versuche ich, meinen Chef anzurufen. Mittlerweile ist es schon nach 15 Uhr, eigentlich muss ich um 16 Uhr im Laden sein. Ich kann ihn nicht erreichen. In der letzten Woche bin ich schon mehrfach etwas zu spät zur Arbeit gekommen. Ich kann von Glück sagen, dass mein Chef Verständnis für meine Tierschutzarbeit hat. Aber man sollte diese Toleranz nicht überstrapazieren, und ich bin gerade dabei.
Jetzt ist erst einmal nur wichtig, dass Senta überlebt. Die Prozedur der Transfusion ist abgeschlossen, jetzt können wir nur abwarten. Senta soll über Nacht in der Praxis bleiben, zur Beobachtung. Doof nur, dass heute Mittwoch ist und eigentlich ab 14 Uhr niemand mehr da ist. Der Arzt verspricht mir jedoch, am Abend nach ihr zu sehen. Um 17 Uhr bin ich dann im Laden. Costa, mein Chef, nimmt es gelassen. Gegessen habe ich heute noch gar nichts, und ich hole mir etwas vom Bäcker nebenan. Um 19 Uhr halte ich es nicht mehr aus. Ich rufe den Arzt auf seinem Handy an. Er ist vor 20 Minuten bei Senta gewesen, es geht ihr schon etwas besser. Er verspricht mir, nach 21 Uhr noch einmal anzurufen. Was er dann auch macht. So wie es aussehe, wird sie es schaffen. Mir fällt ein Stein vom Herzen, und ich kann endlich ein wenig entspannen. Nur noch 3 Stunden bis zum Feierabend, und ich muss daran denken, dass ich Sentas Namen gut gewählt habe.
Eigentlich hatte ich an „Senta Berger“ gedacht, doch nun heißt sie für mich

Senta übern Berg (er)

Senta

 

Text und Fotos: Marita

 

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