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Lucy

 

Die meisten Menschen glauben ja, Hunde könnten nicht denken. Komisch, denn eine ganze Menge Menschen wissen, dass wir fühlen können. Und wer fühlt denkt auch. Das ist bei Hunden nicht anders als bei Menschen.
Klar, hier in diesem Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, gibt es noch viele Menschen, die meinen, wir können weder fühlen noch denken, die uns behandeln wie Sachen, die einfach nur funktionieren müssen. Aber von diesen Menschen will ich gar nicht erzählen. Lieber von den anderen.
Es ist nämlich so, dass ich ein ganz schönes Leben hatte bei einer jungen Frau, die weiß, dass Hunde keine Sachen sind. Nun ist das Leben auf dieser Insel in den letzten Jahren nicht einfacher geworden. Alles wird teurer und teurer und die Arbeit wird immer weniger, weil alle sparen wollen. Deshalb musste meine Menschenfrau nach Athen gehen, in die größte Stadt des Landes, um dort zu arbeiten. Und konnte mich nicht mitnehmen. Verstehe ich nicht so richtig, aber sie meint eben, sie hätte dort zu wenig Zeit für mich und zu wenig Platz und außerdem sei es in der großen Stadt viel zu gefährlich.
Und dann hat sie überall rumgefragt, ob ich nicht hier oder dort oder bei dem oder der bleiben könnte. Hm, keiner wollte mich. Obwohl ich ganz klein bin und nicht viel fresse und auch nicht viel Arbeit mache.

 
 

Da bekam ich schon Angst, was jetzt wohl mit mir passieren würde. Ich habe manchmal Hunde und auch viele Katzen gesehen, die keinen Menschen haben. Die einfach so draußen leben. In Freiheit, ja, aber ohne regelmäßiges Essen und ohne Zuwendung und ohne Worte von Menschen. Die sich ihr Futter jeden Tag selber suchen müssen. Die keinen zum Schmusen haben. Und wenn sie sich verletzen oder krank werden ist da keiner, der sich um sie kümmert.
Meine Menschenfrau war schon ganz verzweifelt, dass sie niemanden gefunden hat, der mich haben wollte. Da hat sie die Tierschützer angerufen und gefragt, ob die mich nehmen.

 
 

Ja, so bin ich hierher gekommen in ein Dorf an der Südküste. Schön ist es hier. Aber die neue Menschenfrau redet so anders, dass ich sie kaum verstehen konnte. So langsam gewöhne ich mich dran und weiß, was sie von mir will, wenn sie mich anspricht. Und sie hat auch nicht viel Zeit für mich. Und ich muss draußen leben. Ich wollte ja mit rein und durfte das auch ein paar Mal. Aber das war so neu und aufregend da drinnen, dass ich alle Teppiche erstmal untersuchen musste und das riesengroße Kissen war so toll. Vor allem die vielen kleinen Schaumstoffstückchen, die drin waren. Und vor lauter Aufregung musste ich andauernd Pipi. Ja und leider musste ich auch mal was Großes machen und das ist dann auf einem von den Teppichen gelandet.
Da hat die neue Menschenfrau beschlossen, dass ich draußen bleiben muss. Es ist gar nicht so schlecht. Ich habe eine lange Laufleine und eine Hundehütte und jeden Tag genug Wasser und Futter. Zum Spielen habe ich einen dicken Knoten und finde außerdem immer wieder Steine und Stöcke. Und manchmal klaue ich ein Tuch, das irgendwo rumliegt und trocknen soll.  Außerdem kann ich das Meer sehen und ganz viele Bäume. Und die kleine Katze von nebenan, die mich immer ärgert.

 
 

Oft holt die Menschenfrau eine lange Leine und dann darf ich Auto fahren, was ich toll finde. Da gibt’s so viel zu sehen! Und dann fahren wir an den Strand und ich kann laufen und toben und im Sand wühlen und manchmal andere Hunde treffen und spielen.
So weit ist ja alles in Ordnung. Aber ich kann fühlen, dass ich hier nicht bleiben werde. Und mit der Zeit habe ich ja auch die neue Sprache ein bisschen gelernt und mitbekommen, dass bald jemand mit einem großen Auto nach Deutschland fährt und viele von uns mitnimmt. Und ich soll auch dabei sein.
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich bin ja gerne hier, hier ist es meistens warm und es gibt so viel Landschaft zum austoben.
Andererseits hätte ich schon gerne mal wieder einen Menschen nur für mich. Der mich mit in seine Wohnung nimmt und auch nicht böse ist, wenn ich mal aus Versehen was kaputt mache. Der mich lieb hat und mich streichelt und mit mir spricht und Zeit für mich hat. Vielleicht schaffe ich es ja auch, ein wenig ruhiger zu werden und nicht immer jeden anzuspringen… Ich weiß ja, dass ich das nicht soll. Meine Pfoten sind ja leider fast nie sauber und die Hosen der Menschen sind durch mich immer dreckig. Blöd. Aber ich freu mich eben immer so, wenn jemand kommt. Ich bin wohl ein Menschenhund, der ganz viel Liebe braucht und auch ganz viel davon geben kann. Und ich hoffe, dass ich so einen Menschen finden werde.

 
 

Jetzt muss ich mich langsam darauf vorbereiten, hier weg zu fahren. Ich werde traurig sein, aber ich freue mich auch. Das wird aufregend, Autofahren, übers Meer mit dem Schiff. Und Schnee werde ich sehen. Ganz viel! Und dann werde ich in ein warmes Haus kommen mit vielen Teppichen und Kissen und streichelnden Händen.

Ja, ich träume ein wenig. Und auch davon, dass alle meine Kumpels, die immer noch auf der Straße leben müssen, auch einen Menschen finden, der sich um sie kümmert.

 

 

Text & Fotos: Silke