Guten Morgen!
Heute ist der erste Advent und mein Name ist Kazou, ich bin (noch!) ein kleiner Kater.
Jo hat mich am Freitag von der Straße gekratzt.
Ok, die Haarnadelkurve in Rethymno ist nicht ohne, aber ich wusste nicht weiter und mit einem lahmen Bein geht das alles eben nicht so schnell. Nun wohne ich neben seinem Klo und hab´ ihm versprochen, zu überleben, mich mit Lina zu vertragen und meinen Senf zu den Adventskalendergeschichten zu geben.
Fangen wir also mal an:
Die erste Geschichte ist von der Ölkatze, ziemlich krass, könnte meine Schwester sein. Sie hat es hinter sich, leckt sich das Öl aus dem Fell und wird bald wieder frei sein.
Ich hoffe auf Nina oder Ines von der Arche! Jo hat gesagt, sie werden mir helfen, mit meinem Bein. Es stinkt, wegen der Entzündung, aber das geht vorbei sagt er.
Die Ölkatze gibt mir Hoffnung.
Aber über die weiß Maren mehr zu berichten als ich: |
Ich war gerade auf Katzenfütterungstour. Es war bereits später Nachmittag und ich steuerte meine vorletzte Futterstelle bei den Manolia-Appartments an. Aus den Augenwinkeln sah ich im Vorbeifahren eine kleine Menschentraube um einen Müllcontainer stehen, dachte mir aber nichts weiter dabei und erreichte etwa 200 Meter weiter meine bereits wartenden vierbeinigen Kunden am Futterplatz.
Kaum aus dem Auto gestiegen, kam ein alter Bekannter auf mich zu gerannt. Es war der kleine Albanerjunge, dessen Familie in der Nachbarschaft wohnt und den ich hin und wieder mit Trockenfutter für seine Streunerkatze versorge. Er berichtete mir atemlos, dass jemand eine kleine Katze in einem Müllcontainer gefunden hätte. Sie würde in dem Container feststecken und käme nicht mehr heraus. Das erklärte also die Menschentraube. Ich wendete und fuhr zurück.
Den Anblick, der sich mir bot, werde ich wohl nie vergessen. Aus der äußeren Containerwand ragte ein winziger Katzenkopf aus der etwa zwei Zentimeter langen Abflussröhre des Containers heraus. Der Rest des Katzenkörpers befand sich im leeren Inneren des Containers. Es war ein fürchterliches Bild.
Um den Container herum standen drei Erwachsene und zwei Kinder, die fieberhaft überlegten, wie man den kleinen Zwerg befreien könnte. Eine Engländerin sagte, das Kätzchen säße dort schon seit dem Morgen fest. Es konnte wohl innerhalb der Röhre seinen Hals vor und zurück bewegen, doch der Kopf passte einfach nicht hindurch. Es drohte zwar nicht zu ersticken, war aber nach so vielen Stunden schon völlig entkräftet und geschwächt.
Ich rief sofort Marita an und bat sie, Werkzeug mitzubringen, um notfalls die Abflussröhre aufzusägen. Ein recht aussichtsloses Unterfangen bei derart dickem Metall, doch natürlich wollten wir nichts unversucht lassen
Wolfgang, ein tierlieber Deutscher, der ebenfalls in der Nachbarschaft wohnt, schlug vor, die Katze mit Öl einzureiben, um so vielleicht den Kopf leichter durch die Röhre gleiten zu lassen. Nun, probieren konnte nicht schaden und so rieben wir den Kopf und den Hals der Katze kräftig mit Olivenöl ein. Ich kletterte in den Müllcontainer. Die inzwischen eingetroffene Marita und Wolfgang bastelten aus einer Plastikflasche einen kleinen Trichter, den sie vorsichtig um den Kopf der Katze legten, damit sie sich beim Herausziehen nicht verletzte. Ganz vorsichtig zog ich an dem kleinen Katzenkörper während Marita von Außen schob. Die Katze gab heftig klagende Geräusche von sich und wir hatten große Angst, ihr bei diesem Unterfangen das Genick zu brechen.
Wir zogen und drehten den kleinen Katzenkörper hin und her, vorsichtig vor und zurück. Immer wieder, doch der Kieferknochen passte einfach nicht durch den Metallausgang. Weiß der Himmel wie der kleine Zwerg dort hineingeraten war. Es schien auf jeden Fall aussichtslos, auf diesem Wege etwas zu erreichen. Das Kätzchen war so erschöpft, dass es sich nicht durch Kratzen oder Beißen gegen unsere Behandlung wehrte. Doch das Wimmern und Klagen machte uns klar, dass schnell etwas passieren musste.
Das mitgebrachte Werkzeug schien ein Witz für die Stärke des Metalls zu sein, und so versuchten wir weiter durch Ziehen, Drücken und Drehen, die Kleine aus ihrer Klemme zu befreien. Die anwesenden albanischen Kinder schlugen vor, dem Kätzchen die Haare am Hals abzuschneiden, damit wir es leichter heraus bekämen. Wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, hätte ich bestimmt laut über diesen Vorschlag gelacht. Doch inzwischen dämmerte es bereits und wir hatten noch immer keinen Erfolg. Verzweiflung und Ratlosigkeit machten sich breit.
In diesem Moment kamen zwei Griechen in einem Pickup vorbeigefahren. Es waren der örtliche Klempner und einer meiner Arbeitskollegen. Apostolis und Haris stiegen aus ihrem Wagen, dessen Ladefläche mit allem möglichen Werkzeug bestückt war. Zunächst lachten sie über unseren Anblick, waren aber schnell bereit zu helfen. Apostolis begutachtete die Lage und war ebenfalls der Meinung, dass dem Metall mit einer normalen Metallsäge nicht beizukommen war. „Wir brauchen Strom“. Mir schwante Fürchterliches. Er wollte das Rohr des Müllcontainers doch wohl nicht mit so einem kreischenden Flexgerät in unmittelbarer Nähe des Katzenkopfes bearbeiten? Doch genau das war sein Plan. „Das wird schon“ meinte er. „Der Katze passiert nichts.“
Vermutlich war unsere eigene Hilflosigkeit die Ursache dafür, dass wir zustimmten und den Müllcontainer mit der darin befindlichen Katze nun ungefähr 50 Meter bergan rollten, um ihn vor das Haus der albanischen Familie zu bugsieren. Mit Hilfe mehrerer Verlängerungskabel legten Marita und Wolfgang eine elektrische Leitung zur Straße. Inzwischen war es dunkel geworden. Marita hatte Gott sei Dank eine recht kräftige Taschenlampe dabei. Apostolis und Haris beeilten sich, das Flexgerät mit einer passenden Scheibe zu versehen. Wir stülpten den gesamten Müllcontainer um, so dass nun das Abflussrohr mit dem herausragenden Katzenkopf gen Himmel zeigte. Marita stieg schnell in den Container hinein, um den nun herunterhängenden, kleinen Katzenkörper von innen zu stützen. Wieder legten wir den selbstgebastelten Plastiktrichter um den Katzenkopf. Die arme Katze gab inzwischen keinen Laut mehr von sich. Ich hielt den Kopf der Katze mit dem Plastiktrichter vorsichtig und so weit es irgendwie ging von dem Flexgerät entfernt. Trotzdem lagen nur wenige Millimeter zwischen Katze und Flexscheibe und auch meinen Fingern. Die Scheibe fing an sich zu drehen und schon kreischte das Gerät los. Funken sprühten und mein Herz raste. Ich war sicher, in den nächsten Sekunden entweder einen losen, blutenden Katzenkopf oder eine vor Angst und Panik gestorbene Katze in meiner Hand zu halten. Als ich meine Augen wieder öffnete, hatte die Scheibe einen kleinen Schnitt in das Metall gefressen. Das Metall war während des Schneidens sehr heiß geworden und es bestand nun auch noch die Gefahr, dass sich die Katze an der Metallröhre verbrennen würde. Sie bewegte sich nun gar nicht mehr und war vor Angst wie erstarrt.
Auch ich hatte schreckliche Angst und ich wette, Marita ging es nicht anders. Dennoch war es unsere einzige Hoffnung, das Kleine zu befreien.
Apostolis zog aus seiner Werkzeugtasche eine riesige Zange hervor, mit der er versuchte das angeschnittene Metall auseinander zu biegen. Es gelang ihm, ein kleines Stück herauszubrechen. Stück für Stück verbog er die Metallröhre ein wenig nach Außen. Die Öffnung weitete sich ein winziges Stückchen, war aber noch immer nicht groß genug, um die Katze herauszuziehen. Es half nichts, noch einmal mussten wir die Flexmaschine bemühen.
Noch einmal hässliches Kreischen, Funken sprühen. Die kleine Katze sah aus, als würde sie nun wirklich aufgeben. Die Augen geschlossen, hatte sie vermutlich jeder Lebenswille verlassen und sie wartete auf ihr nahes Ende.
Mit der Riesenzange brach Apostolis wieder kleine Metallstückchen aus der Öffnung, immer bemüht, den Hals und den Kopf der Katze nicht zu verletzen. Nach einer halben Ewigkeit schien die Öffnung weit genug. Marita zog ganz vorsichtig an dem völlig schlaffen Katzenkörper und plötzlich war die Kleine frei. Wir hatten es geschafft. Die Katze lebte, war aber nach dieser Prozedur völlig dahin. Schnell brachten wir sie zu Marita. Dort angekommen, bereitete Marita ein warmes Bad vor, denn das kleine Tierchen war natürlich völlig von dem Olivenöl verklebt, das wir benutzt hatten. Die Kleine hatte sich zwar schon ein kleines bisschen erholt, war aber sicher noch immer im Schockzustand, denn sie ließ das Bad über sich ergehen und schnurrte heftig, als wir sie trocken rubbelten. Das Öl ließ sich auf Anhieb nicht völlig auswaschen und bei ihrem Anblick mussten wir nun laut lachen. Wer schon einmal eine nasse, eingeölte Katze vor sich gesehen hat, weiß wovon ich spreche.
Wir konnten keine äußeren Verletzungen an Hals und Kopf erkennen und die Kleine verschlang gierig eine große Portion Dosenfutter. Für den Augenblick konnten wir nichts weiter tun und so ließen wir sie erst einmal schlafen und sich beruhigen.
Am nächsten Morgen rief ich bei Marita und Steffi an, um zu fragen, wie es ihrem neuen Gast inzwischen ginge. Steffi lachte nur und sagte: „Die Ölkatze? Sie frisst und faucht uns an.“
Auch bei meinem Besuch einige Stunden später konnte ich wenig Dankbarkeit für unser Bemühen in dem Verhalten des kleinen Giftzwerges erkennen. Sie hatte sich in die hinterletzte Ecke ihrer neuen Behausung verkrochen, schaute mich böse an, fauchte und schlug nach meiner Hand.
Nun, wenn wir ehrlich sind, können wir es ihr wohl kaum verdenken. Wenn ich mir vorstelle, dass ich über Stunden in einem Müllcontainer gefangen wäre, anschließend in Öl gebadet würde und zu guter Letzt jemand mit einem kreischenden, funkensprühenden Schneidewerkzeug, immerhin um ein Vielfaches größer als ich selbst, in der Nähe meines Halses herumfuhrwerkte, wäre meine Reaktion vermutlich ähnlich ausgefallen.
Wir werden uns wohl nicht die Mühe machen, auf freundlichere Gesten zu warten. Die Anwohner hatten uns berichtet, dass es auch eine Mutterkatze geben würde und gerade heute habe ich noch ein weiteres Junges an besagtem Müllcontainer gesehen.
Die Kleine darf sich noch einige Tage bei Marita und Steffi ausruhen. Anschließend werden wir sie zu ihrer Familie zurückbringen. Natürlich werde ich sie von nun an täglich auf meinen Futtertouren besuchen und ihr das Überleben hoffentlich ein wenig leichter machen.
Und dann haben wir natürlich noch eine Verabredung...
spätestens zu unserer nächsten Kastrationsaktion sehen wir uns wieder! |