31.07.2010 |
|
Elsa, ein Dauergast im falschen Körper |
| |
|
| |
Es war Ende Februar, die Sonne schien und es versprach ein schöner Tag zu werden. Das Telefon klingelte. Sabine von der Tankstelle Levkogia war dran.
„Du Maren, hier sucht jemand die Tierfreunde von Plakias“. Och nee, das klang nach Arbeit.
Durch den Höhrer drang eine mir fremde, weibliche Stimme, die sich als Gabi aus Lentas vorstellte. Sie berichtete, dass sie in Lentas schon seit einiger Zeit eine streunende Rottweilerhündin füttere, nun aber aus familiären Gründen dringend zurück nach Deutschland fahren müsste. Sie suche händeringend jemanden, der sich weiter um das Tier kümmern könne. Leider sei die Hündin zu allem Überfluss auch noch krank. Leishmaniose positiv!
„Nein, nein und nochmals nein!“ Klar, deutlich und sehr entschieden meldete sich eine weitere Stimme. Sie schien aus meinem Kopf zu kommen und zwar aus dem Teil, der für Vernunft und Rationalität zuständig war. „Rottweiler und Leishmaniose - diesen Hund werden wir niemals los!“
Ich öffnete den Mund um Gabi genau dies mitzuteilen. Zu meiner eigenen Überraschung hatten die Worte, die ich mich dann sprechen hörte, so gar nichts gemein mit dem Entschluss, den ich doch gerade gefasst hatte. ´“Ok, ich muss mich kurz mit Marita besprechen und rufe Dich gleich zurück.“
20 Minuten später trafen wir Gabi an der Tankstelle. Marita und ich wussten genau, ein leishmaniosekranker Rottweiler war nahezu unvermittelbar. Um uns eine Entscheidung gegen den Hund auch ja nicht zu leicht zu machen, hatte Gabi das Tier praktischerweise gleich mitgebracht. Nun blickten wir in zwei traurige, dunkle Augen eines Rottweilerkalbes, das sich augenblicklich in Gabis Arme schmiegte und sich offensichtlich am liebsten unter Gabis Achsel versteckt hätte.
Sofort schmolzen bei uns alle Vorsätze dahin.
|
| |
|
| |
Gabi erzählte, dass sie bereits alles Mögliche versucht hätte, um einen Pflegeplatz zu finden, aber niemand wollte diese Hündin haben. Sie wäre beim Tierarzt gewesen (allerdings ohne Hund), weil ihr das merkwürdig schuppige Fell, offene Hautstellen und sehr lange Krallen bei der Hündin aufgefallen waren. Der Tierarzt hatte per Ferndiagnose Leishmaniose diagnostiziert und Allopurinol verordnet. Gabi berichtete weiter, dass ihr Schützling außerdem möglicherweise trächtig wäre. Sie sei vor einiger Zeit mehrere Tage mit einem Rüden verschwunden.
Oh je, eine Hiobsbotschaft jagte hier die andere.
Marita und ich versuchten, Gabi zu erklären, dass auch wir die Hündin nicht aufnehmen könnten. Sie versprach schon allein auf Grund ihrer Rasse ein Dauergast zu bleiben, den wir uns aus Platz- und aus finanziellen Gründen nicht leisten konnten.
Gabi war nun am Rande der Verzweiflung. In zwei Tagen musste sie zu ihrer schwer kranken Mutter nach Deutschland reisen und wollte die Hündin verständlicherweise nicht einfach sich selbst überlassen.
Marita und ich sahen uns zweifelnd an. Sehr deutlich konnte ich auf ihrem Gesicht das Wechselspiel zwischen Gefühl und Vernunft erkennen. Mit einem einfachen Nein hätten wir uns eine Menge Nerven, Arbeit und Geld sparen können. Und doch war da dieses nagende Gefühl von schlechtem Gewissen und Mitleid für das Tier.
|
|
|
Nun, es kam wie es kommen musste. Die Rottweilerin wurde auf Maritas Pick up verladen. Mit Gabi tauschten wir Telefonnummern und Adressen aus und versprachen, in Kontakt zu bleiben.
Wie alle Neuankömmlinge bezog die Hündin eine Box im ehemaligen Hühnerstall bei Marita. Wir tauften sie auf den Namen Elsa. Es folgte die übliche Parasitenbehandlung. Beim Tierarztbesuch einige Tage später bestätigte sich leider dann der Leishmanioseverdacht. Der Tierarzt schätzte Elsa auf ca. 5 Jahre alt. Gegen die Leishmaniose sollte sie morgens und abends weiterhin Allopurinol bekommen - Tabletten, die sie in Zukunft ihr ganzes Leben lang einnehmen musste.
Elsa ist ein ziemliches Kalb und bringt stolze 35 Kilo auf die Waage. Sie hat eine unglaubliche Kraft und ist kaum an der Leine zu halten. Doch sie entpuppte sich Menschen gegenüber als ausgesprochen gutmütig und verschmust. Sie schien jede Streicheleinheit und jede Zuwendung förmlich aufzusaugen und konnte nicht genug bekommen.
Aufgrund ihrer Rasse, ihres Körperbaus und ihrer Kraft begegneten wir ihr erst einmal mit einigem Respekt und mit Vorsicht. Marita hatte große Befürchtungen, sie in das Rudel zu den anderen Hunden zu lassen. Hätte es Streit zwischen Filos, Opa und Elsa gegeben, war sie sich nicht sicher, ob sie die Hunde hätte trennen können.
Natürlich konnte Elsa auf Dauer auch nicht im Zwinger bleiben und so zog sie um in eines der Welpengehege. Da die Umzäunung des Geheges natürlich ein Witz für einen Hund Elsas Kalibers war, mussten wir sie zusätzlich an einer Kette befestigen. Ansonsten hätte sie die einfachen Stahlmatten vermutlich schon beim ersten Anspringen umgemäht.
Elsa schien sich nicht weiter über ihr neues Zuhause zu wundern. Und fühlte sich anscheinend recht wohl unter ihrem schattigen Olivenbaum. Sie bellte kaum und freute sich unbändig über jeden Besuch und jede Zuwendung. Die kleinen offenen Hautstellen verheilten langsam und die vielen Hautschuppen im Fell wurden deutlich weniger.
Bei einer der nächsten Kastrationsaktionen wurde Elsa dann kastriert. Nur zu gut erinnere ich mich an den Moment (ich kam gerade mit zwei eingefangenen Katzen zur Tür herein), als mir vom Kastrationsteam grinsend mitgeteilt wurde, dass Elsa tatsächlich trächtig gewesen war – mit sage und schreibe 13 kleinen Rottweilerwelpen. Mir fielen fast die Katzenboxen aus den Händen.
Noch heute sträuben sich uns alle Nackenhaare bei der Vorstellung, dass Elsa uns 13 kleine kaum vermittelbare Rottweiler geboren hätte. Doch Dank der Tierärzte haben diese Welpen das Licht der Welt niemals erblickt und so auch nicht erfahren müssen, dass Hunde ihrer Rasse von den Wenigsten erwünscht sind. |
| |
|
| |
Neben dem 13-köpfigen Nachwuchs hatte die Tierärztin zusätzlich einen Mammatumor in Elsas Bauch entdeckt und natürlich unverzüglich entfernt.
Die Eingriffe verliefen ohne Schwierigkeiten und Elsa erholte sich schnell.
Während die kleine Operationsnarbe in den nächsten Tagen langsam verheilte und Elsa wie gehabt das eigentlich völlig ungeeignte Welpengehege bewohnte, machte sich bei uns zunehmend ein schlechtes Gewissen breit. Elsa brauchte mehr Platz und Bewegungsfreiheit. Noch immer trauten wir uns nicht wirklich, mit ihr spazieren zu gehen. Als ehemaliger Streuner war Elsa weder an eine Hundeleine gewöhnt, noch hörte sie auf die einfachsten Befehle. Außerhalb ihres Geheges zerrte sie dermaßen an der Leine, dass selbst die kräftige Marita alle Mühe hatte, sie zu halten. Außerdem hatte sich gezeigt, dass Elsa beim Anblick von Katzen einen recht heftigen Jagdwillen entwickelte. Sobald sie eine von Maritas drei Stallkatzen erspähte, warf sie sich mit all ihrem Gewicht in die Eisenkette, dass man hätte meinen können, sie würde im nächsten Moment den Olivenbaum, an dem die Kette befestigt war, aus seinem Erdreich heben. Wir wissen bis heute nicht, ob Elsa Katzen nur als Spielobjekt oder gar als kleine Zwischenmahlzeit betrachtet, denn wir haben es natürlich nicht darauf ankommen lassen. Klar ist allerdings, dass Elsa in einem Katzenhaushalt sicher nicht viel Freude verursachen würde.
Klar war uns auch, dass Elsa auf Dauer nicht in ihrem Gehege bleiben konnte. Brigittes Bemühungen, eine Pflegestelle in Deutschland zu finden, liefen alle ins Leere. Sie schrieb unzählige E-Mails, bat und bettelte. Doch wie wir von Anfang an befürchtet hatten, war niemand bereit, einen leishmaniosekranken Rottweiler aufzunehmen. Elsa war schlicht und ergreifend im falschen Körper geboren worden. |
|
|
| |
Die Situation spitzte sich zu, als ein neuer Welpenwurf aufgenommen werden musste, für den wir dringend Elsas Gehege benötigt hätten.
Etwa zur gleichen Zeit kam Jürgen nach längerem Deutschland-Aufenthalt zurück. Er hatte bereits im Winter ein kleines Häuschen in den Oliven entdeckt und angemietet und war nun gerade im Begriff, dort einzuziehen. Das Häuschen war umgeben von einem großen Olivenhain, zwar ohne Umzäunung, dafür aber mit der wunderbaren Möglichkeit, eine Laufleine zwischen den Bäumen zu spannen. Hier bot sich uns eine Lösung für Elsas Unterbringungsproblem. Wir sprachen mit Jürgen über unsere Idee und baten ihn, als Pflegestelle für Elsa zu fungieren. In seiner für ihn so typischen, leicht spöttischen Art grinste er und sagte: „So so, das habt ihr euch ja fein ausgedacht.“
Zwei Tage später befand sich auf Jürgens Grundstück eine der nagelneuen, von Brian gebauten Hundehütten, eine lange Laufleine war gespannt und Elsa wurde in einer Hundebox zu ihrem neuen Zuhause gefahren.
|
| |
|
| |
Die Fortsetzung folgt hier |