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Einen Raunen geht durch Plakias

 

„Sie kommen!“.
„Wann?“
„Wir wissen es noch nicht genau. In ein bis zwei Wochen warscheinlich.“

Wir wissen es nie genau. Ein Zustand, der die Vorbereitung nicht gerade erleichtert.
Es muss doch soviel geplant, besprochen und gut durchdacht sein.
Brigitte läuft wieder einmal zu Höchstform auf. Sie fährt herum, fragt in jedem Dorf, in jedem Stall und jedem Haushalt. „Habt Ihr Tiere zum Kastrieren?“
Sie legt Listen an, wälzt in ihren Unterlagen, telefoniert bis die Leitung glüht.
Sie plant, durchdenkt, ändert wieder. Schon nach wenigen Tagen hat sie diesen Blick, der uns wissen lässt: Das wird wieder mal ein Mammut-Projekt.

Und dann kommt ein Anruf. In zwei Tagen geht es los!!!

Es gibt ein Vorbereitungstreffen mit allen bereitwilligen Helfern.
Aufgaben werden verteilt. Wer fängt die streunenden Katzen? An welchen Orten sind sie zu finden? Wer bringt die Hunde? Welcher Hund kann nach der Kastration zurück  zum Besitzer gebracht werden? Welcher muss unter Umständen eine Nacht in einer unserer Pflegestellen bleiben?
Gibt es Tiere, die außer der Kastration noch eine andere medizinische Behandlung brauchen?
Verletzungen? Krankheiten? Bluttests?
Ein vorläufiger Zeitplan wird festgelegt und kann meist nicht eingehalten werden.
Die Räumlichkeiten müssen vorbereitet werden. Der OP- und der Aufwachraum wird aufgeräumt, vorhandenes OP-Material bereitgelegt,  Hunde- und Katzenboxen werden zusammengebaut, Katzenfallen bereitgestellt und an die Fänger verteilt.
Gibt es genug Zeitungen, Klebeband, Kabelbinder für defekte Boxen? Wer besorgt den Speck zum Katzenfangen? Haben wir genug Handtücher, Bettlaken zum Abdecken der Fallen und der Boxen?  
Und natürlich muss auch an das Kastrationsteam gedacht werden. Wieviele Ärzte werden kommen? Manchmal ist es nur einer, manchmal zwei, in seltenen Glücksfällen sogar drei oder vier. Wo werden sie übernachten? Wer sorgt dafür, dass sie in ihrem mindestens 12stündigem  Operations-Marathon auch etwas zu Essen und zu Trinken bekommen?
Tausend Dinge müssen bedacht werden und bei allem versucht Brigitte, den Überblick zu bewahren.
Sie trägt die meiste Last, denn sie übernimmt die gesamte Organisation.
Eine mehr als schwierige Aufgabe, die sie immer wieder über ihre Grenzen gehen lässt.

 
 
Und dann ist es soweit.
Das Kastrationsteam ist diesmal vierköpfig und wie immer gut gelaunt und voller Tatendrang.
Brigitte, die schon seit Tagen nur im Laufschritt unterwegs ist, legt heute wieder einmal ein rekord-verdächtiges Tempo an den Tag.
Begrüßungen, Umarmungen.
Und doch liegt auch eine Spannung in der Luft.
Alle wissen, dass ein anstrengender Tag vor uns liegt. Ziel ist es, soviele Tiere wie möglich zu kastrieren und zu behandeln, denn jeder ungeborene Welpe bedeutet weniger Tierelend.
Oft genug ist das geplante Pensum eigentlich kaum zu schaffen. Schon manches Mal hat das Kastrationsteam von morgens bis spät in die Nacht hinein ohne nennenswerte Pause  hier gearbeitet.
Wer sie kennt, weiß, sie arbeiten unermüdlich  bis zur völligen Erschöpfung. Aber immer 100%ig konzentriert und höchst professionell.
 

Ab ca. 9 Uhr morgens werden die ersten Tiere gebracht.
Die Katzenfänger und Hundebringer sind oft schon sehr viel früher unterwegs, denn sie müssen  weite Strecken hinter sich bringen.
Heute ist es bewölkt und ein leichter Regen hat eingesetzt. Bei diesem Wetter werden die Fänger es nicht leicht haben, da die Streuner sich verkriechen und nach trockenen Unterschlüpfen suchen.

Ausgerüstet mit einer Katzenfalle, verschiedenen Boxen und leckerem Speck mache ich mich auf den Weg. Mein erstes Ziel ist die Tauchschule von Isabella und Sonja. Hier gibt es noch einen unkastrierten Kater, der mir bei der letzten Aktion durch die Lappen gegangen ist. Diesmal ist es ein Kinderspiel. Ich verteile Futter an alle hier lebenden 15 Katzen, schnappe das Kerlchen schnell im Genick, und ehe er weiß, wie ihm geschieht, sitzt er auch schon in der bereitgehaltenen Katzenbox.
Damit er nicht lange in meinem Auto sitzen muss, bringe ich ihn sofort zum Kastrationsort.
Hier herrscht bereits geschäftiges Treiben, und die ersten Tiere sind schon in Narkose gelegt worden.

Dann geht es weiter Richtung Souda Beach. Hier lebt an der letzten Mülltonne eine ganze Katzenfamilie. Mindestens sechs Junge und natürlich die dazugehörigen Eltern. Fünf von den Kleinen sind bereits kastriert.
Manuela ist vor Ort und hat eine Falle aufgestellt. Eines von den Jungen turnt schon neugierig um die Falle herum.
Um hier nicht zu stören und die Tiere zu verschrecken, fahre ich sofort weiter Richtung Sellia.
Hier gibt es einen Stall, in dem bereits einige Katzen kastriert wurden. Ich habe den Auftrag, nach einer unkastrierten, schwarzen Katze Ausschau zu halten.
Als ich dort ankomme, regnet es noch immer. Weit und breit lässt sich kein Vierbeiner blicken. Ich laufe das gesamte Gelände ab.  Hühner und Truthähne schauen neugierig, was denn diese Person hier zu suchen hat. Doch von Katzen keine Spur. Ich beschließe, keine Zeit zu verlieren und am Nachmittag noch einmal wieder zu kommen.
Die nächste Station ist wieder Plakias.
Am Meltemi, Plakias ehemaliger Disco, die nun schon seit einigen Jahren leer steht, soll eine weitere Katzenfamilie leben. Jürgen hat bei unserer letzten Kastationsaktion zwei der Tiere fangen können.
Ich umrunde das Gelände. Jede Menge Müll liegt herum. Ausgediente Sonnenliegen sind zu großen Türmen aufgestapelt. Ich finde alles Mögliche, nur keine Katzen.

Ich versuche mein Glück am Campingplatz gegenüber.
Auch hier sind einige Katzen kastriert worden. Eine Tatsache, die das Fangen der restlichen Tiere ziemlich erschwert, da man natürlich aufpassen muss, dass nur die unkastrierten Katzen in die Fallen gehen.
Ich entdecke zwei schwarz-weiße Katzen unter einem geparkten Auto. Beide haben einen kleinen, dreieckeckigen Cut im Ohr: Das Zeichen, dass sie bereits Bekanntschaft mit unseren Tierärzten gemacht haben.
Ich warte sicher eine halbe Stunde, suche das Gelände ab, locke und rufe. Nichts.
Langsam kommen mir Zweifel, ob ich heute überhaupt noch fündig werde.

Ich überlege, einfach meine Falle aufzustellen und weiterzufahren, doch entscheide ich mich dagegen. Das Risiko, dass eine gefangene Katze sich in ihrer Panik in der Falle verletzt, ist mir zu groß.
Nach einer weiteren halben Stunde Wartezeit, taucht eine kleine schwarze Katze auf. Als sie mich sieht, macht sie sich sofort wieder aus dem Staub.
Ich stelle die Falle in der Richtung auf, in der sie verschwunden ist, setze mich in mein Auto und warte.
Mittlerweile haben sich einige der hier am Camping Platz lebenden Pakistanis versammelt und schauen neugierig, was ich da mache.
Dann, wie aus dem Nichts, ist sie wieder da.  Die kleine Katze kommt näher. Sie geht gelassen an der Falle vorbei. Der Duft des leckeren Specks scheint sie nicht zu interessieren.
Ich halte die Luft an und versuche, mich in meinem Auto nicht zu bewegen. Doch der Schlaumeier sieht die Pakistanis und verschwindet sofort.
Das gibt’s doch nicht!
Nach einem dritten Anlauf gebe ich die Hoffnung auf. Mittlerweile ist der Regen stärker geworden.
Weit und breit keine weiteren Katzen und die kleine Schwarze ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden.
Kein guter Tag zum Katzenfangen.
Es ist bereits früher Nachmittag. Ich telefoniere kurz mit Marita. Auch sie hat erst drei Streuner fangen können. Es ist zum Verrücktwerden.
Wir hoffen, dass die restlichen Fänger erfolgreicher sind.

Nun muss ich wieder zurück nach Sellia. Romi, eine Hündin aus unserem Stall- und Wegeprojekt, hatte eine schwere Ohrenentzündung und soll noch einmal untersucht werden.
Mit Romi im Schlepptau komme ich bei den Tierärzten an.
Ich bin erleichtert, dass trotz des schlechten Wetters andere Katzenfänger offensichtlich doch Erfolg hatten.

 

Viele Katzenboxen stehen aufgereiht und etliche Hunde warten darauf, behandelt zu werden.
Brigitte steht die Anspannung bereits im Gesicht geschrieben. Von allen Seiten kommen Fragen, das Telefon klingelt, Rufen aus dem OP: „Welches ist die nächste Hündin?“ Hunde bellen, Katzen miauen, weitere Tiere werden gebracht. Hier muss Blut abgenommen werden, der Rüde dort braucht einen Leishmaniosetest.
„Kann mal jemand das OP-Besteck waschen?“

Doch das scheinbare Durcheinander hat System, denn nach vielen Kastrationsaktionen sind alle ein eingespieltes Team.

Ich muss lange warten, denn die Ärzte haben alle Hände voll zu tun.

 

Romi ist lieb und lässt sich von dem allgemeinen Chaos nicht aus der Ruhe bringen.
Doch mein Zeitplan sieht noch eine Verabredung mit dem Elektiker vor. Er hat an seinem Hühnerstall drei Katzen, die kastriert werden sollen.
Ich verstaue Romi in einer der großen Hundeboxen und fahre wieder los.
Am Hühnerstall angekommen geht es dann sehr schnell. Der Elektriker ist vor Ort. Er hat seine Katzen Gott sei Dank am Vorabend nicht gefüttert, und sie stürzen sich hungrig auf die mitgebrachten Leckereien.
Ruck-Zuck sind alle Drei per Hand eingefangen und werden in den Boxen verstaut.
Ich verspreche, sie am nächsten Morgen gesund und munter, allerdings mit einem kleinen Cut im Ohr zurückzubringen.
Am Kastrationsort angekommen, berichtet die Tierärztin, dass Romi sich nicht in die Ohren schauen lassen will. Vermutlich ist die Entzündung noch nicht abgeklungen,  und sie hat noch immer Schmerzen.
Also bekommt sie eine leichte Narkose. Es dauert lange bis die Wirkung einsetzt.
Weitere Katzen werden in der Zwischenzeit kastriert. Hunde behandelt, in Narkose gelegt.
Es läuft ein bisschen wie am Fließband.
Inzwischen ist es dunkel geworden.
Meinen Plan, noch einmal zum Hühnerstall nach Sellia zu fahren, kann ich vergessen. Im Dunkeln ist da kaum was auszurichten.
Irgendwann schläft Romi tief und fest. Die Vermutung, dass das Ohr noch immer entzündet ist, bestätigt sich. Weitere 10 Tage Therapie sind unumgänglich.
Ich warte darauf, dass sie aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht, damit ich sie zurück bringen kann.
Brigitte zählt die Boxen durch. Noch sechs Katzen und sieben Hündinnen. „Jetzt wird es langsam übersichtlich.“
Die Ärzte machen eine kurze Pause. Endlich ist Zeit, etwas zu essen. Jürgen hat wie immer lecker gekocht.

 
 

Rund herum ist es inzwischen ruhiger geworden. Die meisten Tiere liegen in ihre Boxen und schlafen.
Brigitte ist noch einmal losgefahren und schleppt, Gott wer weiß woher, noch drei Katzen an.
Wo nimmt sie diese Energie bloß her?
Für mich gibt es nicht mehr viel zu tun.
Als Romi wieder einigermaßen bei Sinnen ist, bringe ich sie zu meinem Auto. Sie schwankt noch ein wenig und kann beim besten Willen nicht in den Wagen springen. Also hieve ich die 25 Kilo in den Kofferraum und bringe sie zurück nach Sellia.
Es ist 20 Uhr und ein bisschen enttäuscht über meine magere Ausbeute mache ich für heute Feierabend.
Die Tierärzte werden noch eine ganze Weile beschäftigt sein, doch ich bin dabei nicht von Nutzen.

 
 

23:30 Uhr, nach der letzten Kontrolle: "Licht aus, Augen zu und schlafen!"

 

Am nächsten Morgen einen schnellen Kaffee und dann geht es weiter.
Die kastrierten Tiere müssen zurück gebracht und wieder ausgesetzt werden.
Ich verlade die Boxen mit meinen eingefangenen Tieren in mein Auto. Allen geht es gut.
An der Tauchschule entlasse ich den ersten Kater. Er springt wie angestochen aus der Box heraus und jagt in großen Sprüngen davon. Plötzlich hält er inne, dreht sich zu mir um und sieht mich mit einem vernichtenden Blick an. Er scheint kurz zu überlegen, ob er vor der Flucht noch einen kleinen Frühstückshappen zu sich nehmen sollte, entscheidet sich jedoch dagegen und trabt federnden Schrittes in Richtung Nachbargrundstück.
Ich verteile noch das Futter an die restlichen 14 Katzen und fahre weiter nach Souda Beach.
Dort befreie ich die kleine Katze, die Manuela glücklicherweise gestern noch gefangen hat. Hier müssten nun eigentlich alle Jungtiere kastriert sein. Die Eltern werden wir dann hoffentlich beim nächsten Mal erwischen.
Nun bleiben noch die Drei des Elektrikers. Am Stall angekommen, fängt es wieder an zu regnen. Die Katzen kommen nur zögerlich aus ihren Boxen heraus und schreien mich lauthals an. Sie bekommen eine ordentliche Portion Futter und sind erst mal besänftigt. Der angekettete Jagdhund, den ich erst jetzt entdecke, geht natürlich auch nicht leer aus.

 

Die Katzen werden am nächsten Morgen freigelassen

 

Dann mache ich mich auf den Weg nach Sellia, um Romi das Medikament gegen ihre Ohrenentzündung zu verabreichen.
Anschließend fahre ich wieder nach Plakias.
Ich lade die leeren Katzenboxen aus und sehe Marita und Stefffi auf der Veranda stehen. Es hat aufgehört zu regnen. Wir beschließen, uns an die ungeliebte Aufgabe des Boxenreinigens zu machen.
Unzählige Katzen- und Hundeboxen und die Katzenfallen müssen  von recht unappetitlichen Ausscheidungen befreit, gründlich gewaschen  und anschließend im Hühnerstall verstaut werden.
Glücklicherweise kommen Kibele und Maria vorbei und fassen mit an.
Zwei Hundeboxen sind so groß, dass ich mit dem Kopf voran hineinsteigen muß, um die Innenwände zu putzen.
Nur meine Füße ragen noch heraus. Allgemeine Heiterkeit bricht aus. „Na Maren, gemütlich?“
Sehr witzig!
Nach ungefähr eineinhalb Stunden sind wir fertig. Meine Jeans ist quatschnass und auch Steffis Schuhe sehen aus, als hätten sie ein Vollbad genommen.
Dann fährt Brigitte vor. Sie kann schon wieder lachen und holt grinsend noch einmal fünf Boxen aus den Tiefen ihres Wagens hervor.
„Ooooch nö. Nicht noch mehr!!!“
Während wir uns wieder an die Arbeit machen, berichtet Brigitte, dass die Tierärzte bis spät in den Abend gearbeitet hätten. Das letzte Tier war gegen 22 Uhr kastriert. Anschließend haben sie das für den nächsten Tag benötigte Material gepackt und in ihrem Wagen verstaut. Gegen 24 Uhr war dann endlich Feierabend.
Inzwischen sind sie bereits unterwegs zu ihrem nächsten Einsatzort.

 

Trost und Fürsorge nach der OP

 

Der gestrige Tag war anstrengend und arbeitsreich. Ganz besonders natürlich für Brigitte und das Kastrationsteam.
Doch das Ergebnis kann sich sehen lassen. 51 Tiere wurden kastriert und 6 andere Operationen durchgeführt.
Alle sind müde und die Knochen schmerzen.
Brigitte versucht, sich mit ihrem Lieblingsspruch selber wieder aufzubauen:
„Nun ist erstmal alles abgearbeitet.“

 

Der kleine Schnitt, der Leben rettet

 

Wir sehen uns an und lachen. Wissen wir doch, dass schon morgen oder übermorgen der nächste Anruf kommen kann:
ein neuer streunender Hund, ausgesetzte Welpen, verletzte Katzen, kranke Tiere………

 

 
Tierschutzarbeit ist eine Lebensaufgabe. Doch wer schon einmal in die Augen eines glücklich vermittelten Hundes oder einer gesunden Streunerkatze gesehen hat, der weiß:
Es ist jede Mühe wert!
 
 
 

An dieser Stelle möchen wir uns ganz herzlich bei den Tierärzten des Tierärzte-Pools bedanken. Durch Eure Hilfe haben wir es geschafft, die Population der in unserer Region und weit darüber hinaus lebenden Tiere, auf ein gesundes Maß zu senken. Vielen verletzten und kranken Tieren konnten wir ein Stück Lebendsqualität wiedergeben. Diese unzähligen Operationen hätten wir uns als kleiner Verein ohne Eure Hilfe finanziell niemals leisten können.

Aber wir wissen auch, dass hier für die Zukunft leider weiterhin viel zu tun bleibt.

Ihr seid jederzeit Herzlich Willkommen ! ! !

Danke !

 

 

Text: Maren