. . . . ist es manchmal wie ein kleiner Schock. Man glaubt seinen Augen und Ohren nicht trauen zu können und kann nicht fassen was gerade passiert. So jedenfalls erging es mir in jenem Augenblick, der Bernies bisheriges Leben als Kettenhund gänzlich verändern sollte.
Auf dem Rückweg eines unserer Spaziergänge - es dämmerte bereits, und ich drängelte, er solle sich ein bisschen beeilen, doch Bernie musste dringend noch an verschiedenen Grashalmen schnuppern und hier und dort ein wenig stehen bleiben - kam uns ein schwarzer Pick-up entgegen. Sofort fasste ich die Leine kurz und fest, denn so sanftmütig und lieb Bernie auch ist, wenn er eines nicht leiden kann, dann sind es große Pick-ups und ihre Fahrer.
Er wird seine Gründe dafür haben, und ich möchte mir gar nicht vorstellen welche Erfahrungen er bisher mit ihnen gemacht hat.
Doch in diesem Fall war es nur einer seiner Besitzer. Er hielt an, fragte mich beiläufig wie´s so geht und ob ich wohl jemanden wüsste, der diesen Hund haben wolle.
``Moment mal – welchen Hund ? ? ? ?`` |
``Na den da.`` Er zeigte auf Bernie.
Mir fiel die Kinnlade herunter, und sekundenlang war ich sprachlos. Tausend Gedanken jagten mir durch den Kopf: Hab ich das gerade richtig verstanden? Die wollen den Hund nicht mehr? Und wenn sie ihn jemand anderem geben? Ich muss ihn sofort mitnehmen. Aber wohin mit ihm? Marita und Jürgen? Haben sie noch Platz? Kann ich ihnen das zumuten? Wird er sich mit Filos verstehen, der hin und wieder Probleme mit großen Rüden hat? Vielleicht können wir Bernie erst mal hinter dem Haus im Garten anbinden?
Wie oft hatte ich mir diese Situation schon vorgestellt und geradezu herbeigewünscht, ohne große Hoffnung, dass sie jemals eintreffen würde. Und nun stand ich da, glotzte blöd und wusste nicht, was ich tun sollte.
Gott Maren, jetzt nur nichts Falsches sagen. Reiß dich zusammen. Ich versuchte meine Stimme einigermaßen fest klingen zu lassen und gelassen zu wirken, was mir wohl nicht wirklich gelang.
`` Ja, ich kann mir vorstellen, dass wir als Verein den Hund übernehmen könnten. Doch nicht sofort. Ich muss erst mit den anderen sprechen.´´
Der Besitzer grinste und sagte: ´´Naja das kostet dann 230 Euro. Soviel hab ich für den Hund bezahlt.´´
Nun wurde ich wütend. `` Soweit kommt es noch. Zwei Jahre lang bezahlen wir das Futter und die Medikamente für Dein Tier, und jetzt willst Du auch noch Geld herausschlagen? Das kommt gar nicht in Frage. Du kriegst keinen Cent von uns. Und Du wirst den Hund auch niemandem anders geben, bis ich alles andere geklärt habe.´´
Der Typ grinste immer noch, versprach aber, erst mal nichts zu unternehmen und fuhr dann weiter.Ich war völlig aufgelöst, brachte Bernie fast im Laufschritt zurück zum Stall und befestigte ihn an seiner Kette.
Dann beschloss ich, sofort etwas zu unternehmen, bevor der Besitzer es sich anders überlegen würde. Ich rief Marita an und erzählte aufgeregt, was passiert war. Auch bei ihr Ungläubigkeit, aber auch Verhalten. Ein so großer Hund. Wird er sich mit Filos verstehen? Wohin mit ihm, wenn nicht? Und was dann weiter? Können wir für ihn eine Pflegestelle in Deutschland finden.
Lauter Fragezeichen in einer Situation, in der es galt, schnell zu handeln.
Marita riet mir, zunächst mit Jürgen zu telefonieren. Er reagierte sofort und blieb gelassen.`` So, so, und nun willst Du den Bernie also zu uns bringen,.... Na dann kommt mal her.``
Mein Herz überschlug sich fast, und ich hatte das seltsame Gefühl, in einem Film mitzuspielen, der mit der Realität nur wenig gemein hatte.
Plötzlich hörte ich Motorengeräusche, und wieder kam der schwarze Pick-up vorgefahren. Ich sprang aus meinem Auto, um noch einmal mit dem Besitzer zu sprechen. Ich berichtete, dass ich Bernie sofort mitnehmen könne und stellte noch einmal klar, dass wir allerdings keinen Pfennig bezahlen würden. Etwas überrumpelt fragte er, wohin ich den Hund denn bringen würde. Ja, das Haus von Marita und Jürgen mit den vielen Hunden kenne er. Und der Gedanke, dass sein Hund dann irgendwann nach Deutschland reisen würde, um dort in eine neue Familie vermittelt zu werden, gefiel ihm gut.
´´O.K. , nimm ihn mit. ´´ Nicht einer, sondern tausende von Steinen fielen mir in diesem Moment vom Herzen.
Bernie, einigermaßen überrascht, dass ich ihn wieder von seiner Kette befreite, schien meine Aufregung zu spüren. Er zerrte an der Leine, wollte hier hin und dort hin, aber auf gar keinen Fall in mein Auto. Doch mittlerweile war ich wild entschlossen und schaffte es schließlich, den Riesen irgendwie in meinen Kofferraum zu hieven.
Bei Jürgen angekommen, brachten wir ihn zunächst in den umgebauten Hühnerstall. Am nächsten Tag sollte er dann zu den anderen Hunden am Haus gelassen werden.
Ich konnte an diesem Abend lange nicht einschlafen. Überwältigt von den Ereignissen machte ich mir auch Sorgen. Würde das alles gut gehen? Was, wenn Bernie sich mit den anderen Hunden nicht versteht? Was, wenn wir keine Pflegestelle finden? Was, was, was ...
Trotzdem wusste ich, dass ich Bernie auf gar keinen Fall wieder zurück bringen würde. Komme was da wolle.
Am nächsten Mittag rief ich Marita an. Sie berichtete, dass Bernie inzwischen bei den anderen Hunden wäre und soweit alles relativ friedlich verlief. |
In meiner Fantasie stiegen Bilder auf von einem Bernhardiner-Mischling auf einer grünen Wiese, der ausgelassen einem Ball hinterher jagt, um ihn dann zu seinem geduldig wartenden Zweibeiner zurückzubringen. Ein Bernie, der an jedem Grashalm stehen bleiben muss, um nur ja keinen Duft zu verpassen. Angeleint vielleicht, aber niemals mehr an einer schweren Eisenkette.
Und genau das wünsche ich ihm: eine gute Reise in ein angstfreies Leben, grüne Wiesen, lange Spaziergänge, hin und wieder ein paar Leckerlis und das Wichtigste: liebevolle, geduldige Menschen. |